Home » Späterblindung: Diabetes Typ 2 als Risikofaktor für Sehverlust
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Sehbeeinträchtigungen nehmen im fortgeschrittenen Alter stark zu. Regelmäßige Kontrollen der Augengesundheit sind darum für den Erhalt der Sehkraft von großer Bedeutung. Dies und weitere Fakten erklärt Markus Wolf, Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich (BSVÖ).

Dr. Markus Wolf

Präsident des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich (BSVÖ)

Der Terminus beschreibt im Allgemeinen einen Verlust der Sehkraft bis hin zur Erblindung im fortgeschrittenen Alter – ungefähr ab dem 60. Lebensjahr. Es gibt aber keine genauen Zahlen dazu. Während in der allgemeinen Bevölkerung etwa drei Prozent aller Menschen eine dauerhafte Seheinschränkung haben, ist das im Bereich der über 60-Jährigen beinahe die Hälfte. Aufgrund der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft ist davon auszugehen, dass die Anzahl an Menschen, die von einer Sehbeeinträchtigung in Zukunft betroffen sind, steigen wird. Wir werden zum Glück älter, wir werden aber leider nicht immer gesund älter.

Welche Rolle spielt Diabetes Typ 2 unter den verschiedenen Ursachen beim Verlust der Sehkraft im Alter?
Diabetes Typ 2 ist sicherlich die häufigste Ursache für einen Sehverlust im Alter. Als Stoffwechselerkrankung ist sie eng mit dem Lebensstil verknüpft und betrifft sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft. Übergewicht geht sehr oft mit einem erhöhtem Blutzuckerwert einher und kann langfristig zur diabetischen Retinopathie führen. Gefäßveränderungen und Durchblutungsstörungen bringen irreparable Schäden der Netzhaut mit sich. Diabetes begünstigt auch das Entstehen eines Glaukoms – also des sogenannten Grünen Star. Der chronisch angestiegene Augeninnendruck schädigt den Sehnerv, was zur Erblindung führen kann. Häufig bleibt diese Veränderung lange unbemerkt, da sie nicht mit Beschwerden einhergeht. 

Das heißt, bei einer entsprechenden Vorerkrankung sollte man die Augen regelmäßig präventiv kontrollieren lassen?
Prävention ist uns ein großes Anliegen. Alle Menschen sollten regelmäßig – einmal im Jahr – ihre Augen untersuchen lassen. Die Meisten gehen beispielsweise regelmäßig zum Zahnarzt oder zur Zahnärztin. Das sollte auch bei den Augen so gewissenhaft gehandhabt werden. Aus einer von uns in Auftrag gegebenen Studie wissen wir aber, dass dem nicht so ist. Dabei profitieren alle, insbesondere Personen mit erhöhtem Blutzucker oder jene, die sich bereits aufgrund von Diabetes in Behandlung befinden, enorm von regelmäßigen Kontrollen – und können so einen wichtigen Beitrag zum Erhalt ihrer Sehkraft leisten. Eine Schwächung oder gar ein Verlust der Sehkraft, auch im fortgeschrittenen Alter, stellen eine massive Beeinträchtigung der Lebensqualität dar.

Was bedeutet es für Betroffene im fortgeschrittenen Alter an Sehkraft zu verlieren oder gar zu erblinden?
Es gibt viele Erkrankungen, wie etwa das Glaukom, die zu einer fortschreitenden Verschlechterung der Sehkraft führen und nicht rückgängig gemacht, sondern im besten Fall verlangsamt werden können. Das ist für die betroffenen Menschen eine extreme psychische Belastung. Um damit gut umgehen zu können, braucht es Hilfe von vielen Seiten – angefangen von Sozialberatung über psychotherapeutische Hilfe bis zum Erfahrungs- und Informationsaustausch mit betroffenen Personen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Sozialarbeiter:innen, die mit den Betroffenen abklären, was diese brauchen, und dabei helfen, jene Unterstützungen, die es bereits gibt, in Anspruch nehmen zu können. 

In welchen Bereichen brauchen betroffene Menschen spezielle Unterstützung?
Neben sozialer und psychotherapeutischer braucht es auch finanzielle Unterstützung: Das Leben mit Sehbehinderung ist im Regelfall teurer als ohne, weil man auf fremde Hilfe oder häufig auch auf spezielle und damit teure Produkte angewiesen ist. Menschen mit Sehbehinderung haben deshalb einen Anspruch auf Pflegegeld. Betroffene Personen verlieren zwar ihre Sehkraft, wollen aber noch immer ein selbstbestimmtes Leben führen. Das bedeutet, dass man sich anpassen und neue Techniken erlernen muss, um den Alltag meistern zu können. Dies reicht von der Haushaltsführung – wie gehe ich verletzungsfrei mit dem Herd oder dem Bügeleisen um – bis hin zum Mobilitätstraining, um sicher mobil sein zu können. Auch die Brailleschrift – ich arbeite sehr gerne damit – kann eine große Hilfestellung sein. Allerdings ist das nicht für alle Menschen möglich. Personen, die an Diabetes erkrankt sind, verfügen krankheitsbedingt manchmal nicht mehr über den ausreichenden Tastsinn, um Braille lesen zu können. Man kommt aber auch mit elektronischen Sprachausgaben sehr weit – vorausgesetzt, man kann mit digitalen Endgeräten wie Smartphone und Computer umgehen bzw. die Benutzung erlernen. Das ist bestimmt mit 25 leichter als mit 75, aber dennoch möglich. Lernbereitschaft von Seiten der Betroffenen ist Voraussetzung dafür, ein eigenständiges Leben führen zu können. 

Welche Rolle nimmt der BSVÖ dabei ein?
Wir versuchen zu verhindern, dass es überhaupt so weit kommt, Stichwort Prävention. In den Fällen, wo das nicht möglich ist, stehen wir aber mit vielfältigen Angeboten parat: Das reicht von allgemeiner Beratung bis hin zu psychotherapeutischen Angeboten und unterschiedlichen Trainings für lebenspraktische Fertigkeiten. Häufig werden Betroffene bereits von dem/der behandelnden Arzt/Ärztin auf unsere Unterstützungsangebote aufmerksam gemacht. Das ist aber nicht immer der Fall. Wir arbeiten daher auch daran, unseren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, damit Betroffene schneller an entsprechende Hilfsangebote kommen. Mein Appell lautet daher: Wenn Sie von einer Sehbehinderung betroffen sind und Unterstützung benötigen, wenden Sie sich an eine unserer sieben Landesorganisationen. Und wenn Sie gut sehen, gehen Sie bitte trotzdem regelmäßig zur Kontrolle, damit dies auch so bleibt!

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